• Decrease font size
  • Reset font size to default
  • Increase font size
Shadowing Drucken E-Mail

Schulleiter als Schattenmänner in Finnland
von Norbert Rehner

Hier ging es zu „meiner“ Schule. Oder: Finnisch ist für uns keine einfache Sprache.Schulleiter-Shadowing“ heißt die etwas verunglückte Formulierung des Pädagogischen Austauschdienstes für ein interessantes Programm: 8 hessischen Schulleitern wurde die Gelegenheit geboten, eine Woche lang als Schatten eine finnische Kollegin oder einen finnischen Kollegen im Schulalltag zu begleiten. Es sollten jeweils „Tandems“ aus deutschen und finnischen Kollegen gebildet werden, deren Schulen untereinander gut zu erreichen wären. Da lag es nahe, dass sich mein Kollege Manfred Eichenauer von der Ziehenschule und ich zusammen meldeten.
Um es vorweg zunehmen: Der Aufwand hat sich rentiert! Wir konnten zwar das Geheimnis der permanenten Erfolge der finnischen Schulen in den Pisa-Studien nur ansatzweise lüften aber wir  nahmen viele Eindrücke mit nach Hause im Hinblick auf das Schulsystem insgesamt und auch für Alltag an der eigenen Schule.

Das finnische Bildungssystem:
Ab 2- 3 Jahren gehen Kinder in den Kindergarten,  mit 6 Jahren in eine Vorschule, in der nicht Rechnen oder lesen unterrichtet wird, sondern auf das Leben in der Schule vorbereitet wird. Wie packt man seinen Ranzen? Wie meldet man sich? Usw.)
Die Einschulung in eine„Gemeinschaftsschule“  erfolgt mit 7 Jahren. Diese sind keine Gesamtschulen im Sinne von absolut gleichen Schulen; es Schulprofile und Schulen unterschiedlichen Einzugsgebieten. Einige wenige Schulen mit einem Schulprofil nehmen Schüler nach Aufnahmeprüfungen auf, z.B. die Helsingin Suomalainen Yhteiskoulu nach dem zweiten Schuljahr. Nach der neunjährigen Gemeinschaftsschule gehen ca. 80 % der Schüler in eine Oberschule (oft nach Aufnahmeprüfungen) oder eine Berufsschule oder in eine Kombination aus beidem. In der Regel wird nach der 12. Jahrgangsstufe die Reifeprüfung (Zugangsberechtigung für die Universität) abgelegt.

Im Vordergrund steht die Person der Lehrkraft
Nur jeder 10. Bewerber, der ein Lehramtsstudium beginnen möchte, wird zum Studiengang aufgenommen. Zur Aufnahmeprüfung gehört auch die Erstellung eines psychologischen Profils. Die Lehrer genießen in der Öffentlichkeit hohes Ansehen. Dies hängt zusammen mit der Einstellung der Lehrkräfte zu ihrem Beruf und damit, dass  Bildung in Finnland einen sehr hohen Stellenwert hat.
Die Lehrkräfte verdienen weniger als in Deutschland, haben aber auch weniger Unterrichtsverpflichtung, wobei die Stundenzahlen nach Fächern sehr unterschiedlich sind, zwischen 16 Wochenstunden (a 45 Min.) für Finnisch  und 25 Wochenstunden für Sport. Alle Extra-Aufgaben wie Klassenleitung werden besonders honoriert.

Prävention ist billiger als Reparatur: Unterstützungssysteme
Ann jeder größeren Schule gibt es einen Schulpsychologen, einen Sozialarbeiter oder Sonderpädagogen, eine Krankenschwester.
Für schwächere Schüler gibt es zunächst spezielle Förder- und Lernpläne und speziell ausgebildete Lehrkräfte für Nachhilfeunterricht. Diese Kinder werden dann vorübergehend nach ihren Lernfortschritten benotet. Die Schüler, bei denen diese Maßnahmen zu keinem Erfolg führen, werden in Sonderklassen zusammengeführt. Nichtversetzungen gibt es theoretisch, in der Praxis sehr selten. Richtige Sonderschulen sind in Finnland die große Ausnahme. Das Prinzip ist „No child left behind,“

Budget: Alle Schulen sind voll budgetiert, d.h.: Sie bestreiten alle Ausgaben, auch die für Gehälter der Lehrkräfte, aus einem Gesamtbudget, das nach Anzahl der Schüler zugewiesen wird. Zurzeit ist die Berechnungsgrundlage: Pro Oberstufenschüler 5.800,- €; pro Schüler in der Unter- und Mittelstufe  6.200,- €.. Das Rechenbeispiel für die Wöhlerschule sähe ungefähr so aus: Gesamtbudget: 8,5 Mio €;  Personalausgaben Lehrkräfte:  ca. 4,5 Mio €; Ausgabefähig (für Bauunterhaltung, Bücher, Ausstattung etc). ca. 4,0 Mio €.

AusstattungAusstattung: Die technische Ausstattung der Schulen, die aus dem Budget bestritten wird, ist deutlich besser als bei uns. Ein Beamer und ein Auflicht-Tageslichtprojektor in jedem Raum sind Standard. Das abgebildete Sprachlabor ist zehn Jahre alt und war in dieser Zeit immer voll funktionsfähig. Nur die Flachbildschirme sind neu. Es gab auch nie  Beschädigungen oder Diebstähle.

Personelle Ausstattung der Schulleitung an einer Schule mit 1200 Schülern:
• Ein Schulleiter (ohne Unterricht)
• Ein Stellvertreter mit 6 Std. Unterricht
• Ein Stellvertreter für die Verwaltung/Finanzen
• Lehrkräfte mit Sonderaufgaben vergleichbar mit Fachbereichsleitern  / Fachvorständen
• Insgesamt 4 Sekretärinnen

Konzentration der Ressourcen auf die Mittelstufe:
Die meisten Mittel werden in die Mittelstufe gesteckt, was auch die Klassengrößen zeigen.

Interne Evaluation:
Jede Schule muss intern einmal jährlich einen Schwerpunkt evaluieren. Selbstevaluation (Unterrichts-Feedback) ist nicht vorgeschrieben, aber üblich, meist nach der einfachen Plus-Minus-Methode.

Lern- und Schulkultur
Die Schüler bringen wohl schon die Mentalität mit, etwas lernen zu wollen. Dies wird in den Schulen gefördert durch Ermunterung zum selbstverantwortetem Lernen, weniger methodisch als durch die Person des Lehrenden. Lernen hat, wie immer betont wird,  einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert.
In den Schulen ist sowohl im Unterricht wie auch in den Pausen eine ruhige, gelassene, unaufgeregte und freundliche Atmosphäre zu beobachten.
Unterricht erfolgt in der Regel  bei offenen Türen; offene Foren und Gänge dienen als Aufenthaltszonen; Es ist keinerlei Vandalismus oder Graffiti zu beobachten, Diebstähle werden offensichtlich nicht befürchtet, was an der offene Garderobe im Eingangsbereich deutlich wird. Zustände wie in den Toiletten bei uns sind hier nicht denkbar.


Klassengrößen: Es gibt keine Vorschriften, sondern Richtwerte für Maximalzahlen. Diese sind in Helsinki:
• Klassen 1 u. 2:  25
• Klassen 3 – 6:   32
• Klassen 7 – 9 :  20
• Oberstufe: Je nach Fach bis zu 42 !!

Diskussionsfeld Gesamtschule / dreigliedriges Schulsystem
Die Schulen in Finnland bezeichnen sich nicht als Gesamtschulen, sondern als  „Gemeinschaftsschulen“. Es kann durchaus behauptete werden, dass es differenzierte Gemeinschaftsschulen sind, nicht ganz vergleichbar mit unseren Gesamtschulen.
Im Gesamtsystem mit den Unterstützungssystemen und den hohen Budgets lassen sich Grundsätze wie „No child left behind“ offensichtlich weitgehend umsetzen. Was von uns nicht abschließend eingeschätzt werden konnte, ist die Rolle der Schüler mit Migrationshintergrund. Es gibt in Finnland sicher weniger insgesamt, aber auch in Helsenki gibt es Schulen mit einem Anteil von 50 %. Nach Einschätzung der finnischen Kollegen können damit im Zusammenhang stehende Probleme durch die Unterstützungssysteme an den Schulen aufgefangen werden.

Schluss: Einiges am finnischen Schulsystem ist traditionell, systembedingt, eingebettet in eine andere Kultur und kann nicht ohne weiteres übernommen werden. Anderes sollte in Angriff genommen oder zumindest überdacht werden:
Die  methodisch-didaktischen Konzepte bei uns könnten überprüft werden, z.B. für die Oberstufe, wo der Seminarstil größere Gruppen erlaubt zugunsten kleinerer Lerngruppen in der Mittelstufe. Grundsätzlich macht es wohl Sinn, angesichts der Altersprobleme und der Stoffpläne mehr Ressourcen in die  Mittelstufe zu legen. Grundsätzlich muss mehr Wert auf selbstverantwortetes Lernen gelegt werden. Wege dahin müssen konzipiert werden.
Wenn selbstverantwortetes Lernen die Normalität darstellt, kann dies zu einem entspannteren und produktiveren Arbeitsklima führen.
Die Person des Lehrenden muss mehr im Vordergrund stehen. Dies sollte anfangen mit der in Finnland üblichen Auswahl vor dem Lehramtsstudium, muss aber auch die Entlastung der Lehrkräfte von vielen nicht unterrichtsrelevanten Arbeiten einschließen.
Was bei uns langfristig auf jeden Fall realisiert werden muss, sind Unterstützungssystem wie die an den finnischen Schulen. Einerseits sind dadurch Lehrkräfte entlastet in schwierigen Fragen durch professionelles Personal, andererseits stimmt wohl der finnische Motto: „Prophylaxe ist billiger als Reparatur.“

Zuletzt aktualisiert am Montag, 11. Januar 2010 um 21:57 Uhr