150 Jahre Wöhlergeschichte(n)

Wöhlerschule 150

Folge 1: Die Geburtsstunde der Wöhlerschule

Wenige Monate vor Beginn des Deutsch-Französischen Krieges, der schließlich zur Gründung des Deutschen Reiches führte, hatten 48 Jungen im Alter von 6 bis 8 Jahren am 25. April 1870 in Frankfurt ganz friedlich ihren ersten Schultag – und zwar in den neugegründeten Elementarklassen der höheren Gewerbeschule der Polytechnischen Gesellschaft in der Junghofstraße, mitten in der heutigen City. Die ersten Wöhlerschüler waren also eigentlich Grundschüler. Aber das war die Geburtsstunde der Wöhlerschule, die in diesem Jahr 150 Jahre alt wird. Das muss gefeiert werden – ein ganzes Jahr lang, mit Konzerten, einer Projektwoche im Februar, einer würdigen akademischen Feier samt Festschrift und einem großen Schulfest im Sommer. An dieser Stelle gibt es in den nächsten Wochen und Monaten immer wieder kleine Geschichten und Anekdoten mit Merkwürdigem und Wissenswertem aus 150 Jahren Wöhlerschule. Viel Spaß beim Streifzug durch die Wöhlergeschichte(n)! (Rie)

Folge 2: Die ausgefallene 100-Jahr-Feier

Im Jahr 1970 hätte es eigentlich 100 Jahre Wöhlerschule zu feiern gegeben. Aber alle Veranstaltungen zum 100jährigen Jubiläum wurden abgesagt. Der Grund war, wie der damalige Direktor Josef Müller in einer Sonderausgabe der „Wöhlerhefte“ schrieb, dass wegen der Entwicklung der beiden letzten Jahre „die festliche Gestimmtheit fehlt, ohne die eine Jubiläumsfeier nur äußerlich und unwahr wird“. Grund waren die Proteste und Aktionen im Zuge der Studentenbewegung der Jahre 1968 und 1969, die auch an der Wöhlerschule nicht spurlos vorübergingen. Müller schreibt weiter, es sei zwar verständlich, dass sich die gesellschaftspolitische Entwicklung an Unis und Gymnasien „in besonders auffälliger, häufig explosiver Weise äußert“. Doch „die Irrationalität des Denkens und die Intoleranz des Handelns“ seien schmerzlich und würden zu „ernstem pädagogischen Nachdenken“ zwingen. Im Mai 1969 war an der Wöhlerschule tagelang der 3. Trakt von Schülern besetzt worden. Dabei kam es laut den „Wöhlerheften“ auch zu Verwüstungen und Brandstiftung. Schadenssumme: 35000 – 40000 D-Mark. Ziel der Protestierenden war laut einem Flugblatt u.a. „die organisierte Verunsicherung des bestehenden Schul- und Gesellschaftssystems.“ Das nebenstehende Foto aus der Festschrift zum 125jährigen Bestehen 1995 zeigt Direktor Müller mit Megafon in einem zerbrochenen Fenster. (Rie)

Folge 3: Kriegsbegeisterung 1914?

41 Oberprimaner der Wöhlerschule (80% des Jahrgangs) melden sich im August 1914 freiwillig zum Ersten Weltkrieg, außerdem 15 Lehrer (der Direktor Dr. Liermann sowie die Hälfte der Professoren und Oberlehrer). „Sie zogen zumeist als Führer ins Feld“, heißt es in einer „Feldzeitung“, die die Wöhlerschule eigens für ihre Lehrer und Schüler an der Front herausbrachte. Und über die Stimmung unter den Schülern wird darin berichtet: „Wir gehen mit, wir halten es ja doch nicht aus, wir wollen gleich dabei sein! So schwirrten in jenen Augusttagen die Worte unserer Primaner durcheinander.“ 105 Wöhlerlehrer und – schüler sterben im Ersten Weltkrieg den „Heldentod fürs Vaterland“, wie es in einer Ehrentafel 1925 festgehalten ist, die in der damaligen „Wöhlerzeitung“ erscheint und aus der in der Festschrift zum 125jährigen Bestehen des Gymnasiums 1995 zitiert wird. Auf dem Bild sind die Kriegsfreiwilligen des Jahres 1914 – Lehrer und Schüler – zu sehen, in der hellen Uniform der damalige Schulleiter, Dr. Liermann. (Rie)

Folge 4: Waffenlager in der Wöhlerschule

Die krisenhaften, von Putschversuchen und Attentaten geprägten Anfangsjahre der Weimarer Republik hinterließen auch an der Wöhlerschule ihre Spuren. 1922 wurden im Heizungskeller der Wöhlerschule – damals in der Lessingstraße im Westend – mehrere Hundert Gewehre, ein Maschinengewehr und Munition entdeckt. Verantwortlich war unter anderem ein junger, an der Schule angeblich beliebter Lehrer. Ein Gericht befand, das Waffenlager habe der Vorbereitung eines Putsches von rechts gedient. Die Angeklagten wurden vom Frankfurter Landgericht zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen sowie Geldstrafen verurteilt. Der bestrafte Lehrer wurde später, wie in einer Wöhler-Festschrift von 1995 vermerkt ist, in den Staatsdienst übernommen. (Rie)

Folge 5: 1952 droht die Schließung der Wöhlerschule

„Schildbürgerstreich oder Schulpolitik?“ titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 11.11.1952 und in der Frankfurter Rundschau konnte man am 12.11.1952 lesen: „Eine Schule kämpft um ihren Bestand – Die Wöhlerschule entstand durch die Opferbereitschaft Frankfurter Bürger“. Die gesamte Frankfurter Presse und viele Institutionen bis hin zum „Verein für Bürgerrechte“ setzten sich für den Bestand der Wöhlerschule ein, besonders vehement der Schulleiter und der „Wöhlerschulverein“, der Vorläufer der GFFW. Dadurch kippte der Frankfurter Magistrat einen Beschluss aus dem Jahr 1951, in dem festgelegt worden war, dass die Wöhlerschule in die Liebigschule integriert werden sollte. Die Proteste waren erfolgreich und der Schulleiter bedankte sich bei der Presse (siehe unten).

Norbert Rehner/Martin Hilgenfeld
(Die beiden ehemaligen Schulleiter haben als Stadtteil-Historiker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft die Geschichte der Wöhlerschule erforscht. Ihre „Fundstücke“ aus 150 Jahren erscheinen demnächst in der Festschrift zum Schuljubiläum.)

Folge 6: Physik-Unterricht in der Flak-Stellung

Schon ab dem ersten Kriegsjahr wurden Lehrer zum Kriegseinsatz abkommandiert, so dass zunehmend Unterricht ausfiel, in Fächern wie Kunst und Musik. Im Zeugnis war dann vermerkt: „Wegen Einberufung des Lehrers konnte keine Note erteilt werden.“ Der Nachfolger von Schulleiter Dr. Franz Schramm, Dr. Paul Jung, wurde von April 1940 bis März 1942 ebenfalls zum Heeresdienst einberufen. Schülern der Oberprima wurde ab 1941 vorzeitig das Abitur anerkannt, wenn sie sich für die Offizierslaufbahn bei der Wehrmacht oder in der SS bewarben, was einige wahrnahmen. Schüler der Oberstufenklassen wurden ab 1943 zu Flak-Stellungen (Flak: Flugabwehrkanone) in Frankfurt abkommandiert und mussten dort unterrichtet werden (Bild: Institut für Stadtgeschichte). Wie beschwerlich das war, zeigt ein Bericht des Studienrats Dr. Dehn. Er beschreibt darin, wie beschwerlich es ist, mit den nötigsten Geräten für einen Experimentalunterricht in Physik und Chemie zu den Flak-Stellungen zu fahren (wahrscheinlich mit dem Fahrrad) und dort einen halbwegs vernünftigen Unterricht anzubieten. Für die Schüler war der Einsatz in den Flak-Stellungen in Preungesheim, Sindlingen und an der Messe nicht ungefährlich. Ein Schüler beschreibt, wie der sie betreuende Unteroffizier in der Stellung bei einem Bombenabgriff von Splittern durchsiebt wird und stirbt.

hilg/reh