Schicksal einer jüdischen Familie

Sohn eines überlebenden Wöhlerschülers berichtet von Verfolgung und Neuanfang

Bleiben oder fliehen? Diese Frage stellten sich die meisten Juden im nationalsozialistischen Deutschland der 1930er Jahre. So auch die Eltern und Großeltern von Ethan Bensinger, Sohn eines jüdischen, ehemaligen Wöhlerschülers.
Ethan Bensinger, der in den vergangenen Jahren immer wieder die Wöhlerschule besucht hat, also das Frankfurter Gymnasium, an dem sein Vater lernte, bis er vor den Nazis nach Amsterdam floh, berichtete diesmal in der Aula von seiner Familie in der NS-Zeit.

Gestützt auf zahlreiche Fotos und Dokumente aus dem Familienarchiv erzählte er vom Schicksal seiner Eltern und Großeltern, die sich rechtzeitig für die Ausreise entschieden hatten, aber auch von Großonkeln und -tanten, die in Auschwitz ermordet wurden. Ethan Bensinger, der in den USA lebt, schilderte am Vorabend des 83. Jahrestags der Reichspogromnacht, wie sich seine Eltern 1935 auf einem Flüchtlingsschiff nach Palästina kennenlernten und dann 1936 in Tel Aviv heirateten.

Ethans Großeltern väterlicherseits, die 1905 hier in der Stadt im Hotel Frankfurter Hof geheiratet hatten und erst in Frankfurt, dann in Berlin einen Textilhandel mit Niederlassungen in Danzig und London betrieben, hatten sich bereits im Oktober 1933 entschieden, Deutschland in Richtung des heutigen Israel zu verlassen. Die Vorfahren lebten seit 300 Jahren Deutschland – nie hätten Ethans Großeltern es für möglich gehalten, dass sie ihre Heimat einmal wegen Drangsalierungen und Verfolgungen würden verlassen müssen. Besonders gläubige Juden seien seine Großeltern nicht gewesen, „nur manchmal gingen sie in die Synagoge“, erinnert sich Ethan Bensinger an die Gespräche mit seiner Großmutter, die fast 102 Jahre alt wurde. „Doch dann änderte sich die Welt“, so Ethan Bensinger, „innerhalb von sechs Monaten wurden meine Großeltern Bürger zweiter Klasse“.

Die Mutter von Ethan, Rachel, war die Tochter des Landmaschinenhändlers Willy Kamm und seiner Frau Tekla aus Fulda. Die Mutter ging auf eine evangelische Schule, wurde aber bald von den Mitschülerinnen als Jüdin beschimpft. Sie schloss sich der zionistischen Jugendgruppe „Blau-Weiß“ an, die das Ziel hatten, einen jüdischen Staat im damaligen Palästina als Heimstatt für die Juden in aller Welt zu schaffen.

Am 9. November 1938 schlugen SA-Leute an die Wohnungstür der Kamms in Fulda, doch Willy und Thekla, also Ethans Großeltern mütterlicherseits, waren gewarnt worden, „vielleicht von nicht-jüdischen Freunden, mit denen Willy in der Kneipe immer Karten gespielt hatte“. Sie hatten nur wenige Tage vorher Deutschland in Richtung Palästina verlassen.

Doch nicht alle jüdischen Deutschen hatten das Glück, rechtzeitig vor den Nazis fliehen zu können – wie auch der Großonkel Edward Bensinger. Edward wurde aus dem Dorf in der Nähe von Kehl am Rhein ins KZ Dachau verschleppt und nach Kriegsbeginn ins Internierungslager Gurs im besetzten Frankreich deportiert, wo er seinem Leben ein Ende setzte. Seine Frau und sein Sohn wurden in Auschwitz ermordet. Das gleiche Schicksal erlitten Ethan Bensingers Großtante Martha Bodenheimer und ihre Mutter Fanny, die im Alter von 32 bzw. 84 Jahren in Auschwitz in den Gaskammern starben.

Von einem weiteren Großonkel, der im Winter 1941 von Fulda ins lettische Riga deportiert wurde, ist das genaue Todesdatum nicht bekannt, man weiß nur, dass die Insassen des Deportationszuges bei der Ankunft erschossen wurden. Was Ethan Bensinger aber genau weiß – und als Beleg zeigte er eine Quittung aus dem Stadtarchiv Fulda – sind die Namen der Fuldaer, die die Wohnungseinrichtung seines Großonkels nach dessen Deportation günstig ersteigerten. Auch das Datum und die Kaufsumme sind genauestens dokumentiert.

Ethan Bensinger, der in den vergangenen Jahren an der Wöhlerschule einen von ihm selbst gedrehten Dokumentarfilm über Holocaust-Überlebende in einem Chicagoer Altenheim gezeigt hatte, hat diesmal bei seinem Besuch tiefe und bewegende Einblicke in seine Familiengeschichte gewährt. Ausführlich kam er – auf Englisch – mit den Schülerinnen und Schülern der zehnten Klassen ins Gespräch, beantwortete ihre Fragen und berichtete noch, wie er selbst dann in den 50er Jahren mit seinen Eltern von Israel in die USA übersiedelte, wo er als Anwalt in Chicago arbeitete. Geschichtslehrerin Christina Rathmann hatte zuvor in ihrer Begrüßung auf die Notwendigkeit der Erinnerung, gerade auch angesichts neonazistischer Umtriebe in der Bundesrepublik, hingewiesen. Thomas Brüggemann, der seit vielen Jahren den Kontakt zu Ethan Bensinger hält, dankte im Namen der Schulleitung dem Gast. (Rie)